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3. Tag von Lajeado nach Sao Sebastiao do Cai

"Seid Ihr mit en Luftschiff kämmt" oder: Meistens ist es weiter als man denkt

Ein Gewitter mit extremen Regenschauern leitet einen deutlichen Temperaturabschwung auf 20C ein. Durch den historischen Park mit alten Fachwerkhäusern verlassen wir die ehemals deutsche Kolonialstation in Richtung Teutonia. Zunächst machen uns Dauerregen und schwerer Boden zu schaffen bis wir dann einige Kilometer später auf eine Schnellstraße (Gott sei Dank mit Seitenstreifen) treffen. Ein Plattfuß, übrigens nur eine von zwei fahrradtechnischen Pannen in den gesamten 320 Km der 4 Radfahrtage, lässt Arne vom hr auf ein vorzeitiges Ende seiner Qualen hoffen, doch vergebens. In wenigen Minuten ist der Schlauch gewechselt und es geht weiter. An den schönen Häusern und gepflegten Gärten erkennt man entlang unserer Route zunehmend die deutsche Handschrift. Völlig durchnässt und nach einigen Stunden Dauerregen erreichen wir Teutonia, die, wie der Name schon sagt, 1865 von Nachkommen deutscher Einwanderer gegründete Stadt. Als Gründervater gilt der Westfale Carl Arnt und noch heute zählt der Westfälische Holzschuh zu den Besonderheiten dieses Ortes mit stark deutscher Tradition. Wir sprechen jetzt nicht nur hochdeutsch und zeitweise platt wie zu Hause, nein, es schmeckt auch wie bei Muttern. Im Empreendimento Matinho (viele Einheimische und Schulkinder werden hier bekocht) sind es besonders die Linsensuppe und die Kreppel, mit denen wir uns die Bäuche vollschlagen. Und das sollte uns noch zu Gute kommen. Im Gegensatz zu den Vortagen wird sich bei dieser Etappe zeigen, dass eine Planung mit modernster Technik und die Geographie vor Ort doch schmerzlich voneinander abweichen können. Weiter Richtung Novo Paris zeigt uns der Magellan den Weg durch eine alpenähnliche Landschaft. Harry sagt: "wenn ich eine Kuh wäre, dann wollte ich hier meine Milch geben". Es geht bergauf, bergauf und bis zu 21% weiter bergauf Serpentine für Serpentine. Doch laut unserem Planungsprofil müssten wir doch schon längst über den Berg sein. Nur gut, dass Mattes (unser Planungsexperte) zusammen mit Arne zwecks Recherche in Teutonia geblieben ist und er so unseren Flüchen entgeht. Endlich sind wir oben und überbrücken einen Regenschauer in einer abgelegenen kleinen Bar, wo man natürlich, wenn auch nur teilweise, die deutsche - hundsrückische Sprache spricht. Auf dem 30 Gräber zählenden Ortsfriedhof findet Harry dann sogar einen Grabstein mit der Inschrift Becker. Dann werden wir mit einer rasanten Abfahrt für die Strapazen der letzten Stunden belohnt. Einer der hier allgegenwärtigen VW- Käfer, wird dann auch Opfer unseres 60 km/h Tempos und Übermutes auf kurvenreicher Abfahrt und typisch brasilianischer roter Erde. Wir sind doch der Hoffnung, dass dies der letzte Berg an diesem Tag gewesen sein müsste, doch leider Fehlanzeige. Es geht weiter in Richtung Harmonia, ein kleines Städtchen 126m über NN gelegen. In einem kleinen Dorf lernen wir das gesellschaftliche Zusammenleben von Jung un Alt der deutschen Nachfahren kennen. Die Frauen (jede hat einen Berg von Geld vor sich liegen) spielen Ramsch am hellichten Nachmittag. Die Männer unterhalten sich aus sicherer Distanz bei einem guten Schoppen miteinander und die Enkelkinder testen derweil unsere Bikes. Es droht die Dunkelheit, also geht es weiter und erst jetzt bemerkt Jörg das Fehlen einer Trinkflasche. Wir gönnen den aufgeweckten Jungs die Trophäe. Nach 1200 Höhenmeter und 80 km mit einem 10 kg schweren Rucksack auf dem Buckel weichen langsam aber sicher die letzten Kräfte, denn die häufigen Höhenmeter machen uns fertig. Es kommt uns vor, als spürten die allgegenwärtigen kleinen Hunde unsere zunehmende Schwäche nach fast 90 km, denn sie verfolgen uns immer hartnäckiger. Schon in der Dämmerung unterwegs und nach 1.400 Tageshöhenmetern, brauchen wir unbedingt etwas Essbares. Hunseck heißt die Rettung, ein Kolonialwarenladen in Harmonia. In diesem fast ausschließlich von Auswanderern aus dem Hunsrück bevölkerten Ort werden wir, wie so oft, gefragt: "Seid Ihr Deutschländer? Seid Ihr mit en Luftschiff kämmt? Seid Ihr von Driben?" Feste und flüssige Nahrung bauen uns neben den Gesprächen wieder auf, bis wir nach einigen Gruppenfotos mit den Einheimischen zu den letzten Kilometern aufbrechen. Gegen 20:30 Uhr und nach über 90 km und 1.400 Höhenmetern völlig erschöpft, aber zufrieden, erreichen wir in der Dunkelheit unser Tagesziel: Sao Sebastiao do Cai.

Das Höhenprofil und Daten der Etappe

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