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4. Tag von Sao Sebastiao do Cai nach Campo Bom

Wie ein Hinterländer brasilianische Geschichte schrieb

Hatte unser zweites Quartier in Bento Goncalves noch plus 3 Sterne verdient, so verbrachten wir die vergangene Nacht in einer minus 3 Sterneunterkunft mit 20 Betten in einem Raum, teilweise ohne Tapete, dafür aber mit Mäusekot auf dem Kopfkissen. Harrys und Ulis Doppelbett glichen eher einer Hängematte. Dafür kostete die Nacht aber auch umgerechnet nur 9 Euro mit "Frühstück"! Egal, Campo Bom, wo das Highlight unserer Hinterländer Geschichtsrecherche auf uns wartet, ruft und so wollen wir hier zügig das hiesige Museum besuchen. Schnell hat sich jedoch herumgesprochen, dass Deutsche da sind und prompt kommen drei Nachfahren deutscher Auswanderer zum Museum, um uns kennen zu lernen. Überraschend finden wir hier einen ersten Hinweis auf eine starke Verbindung dieser Gegend zu Dillenburg, der sich im Laufe des Tages noch verstärken sollte. Bei schwülen 20C und schwerem Boden führt unsere Route mitten durch malerisches Weideland nach Sao Leopoldo, dem Zentrum der deutschen Einwanderung. Die Einwanderer, die ab Hamburg, Bremen, Antwerpen oder Amsterdam mit einem großen Segelschiff nach etwa drei Monaten in Rio de Janeiro ankamen, fuhren auf einem Küstensegler zunächst nach Porto Alegre. Flussaufwärts (Rio dos Sinos) wurden die Siedler von Sklaven in Barkassen schließlich zum heutigen Sao Leopoldo gerudert. Hier treffen wir uns mit Dr. Isabell Arend, einer Doktorin für Geschichte und Spezialistin für deutsche Einwanderung. In einer Sonderführung erfahren wir in dem mit vielen Exponaten ausgestatten Museum viel über diese Zeit und die Menschen. Zu unserer großen Überraschung ist hier ein ganzer Schaukasten Dillenburg gewidmet. Der Redakteur der hiesigen Tageszeitung von 1880 war ein Herr Dillenburg, und neben alten Berichten mit Bildern des Nassauer Schlosses findet sich hier sogar ein Exemplar von Ulis Tageszeitung, der Dill- Zeitung. Unsere heißeste Spur ist jedoch die der Hinterländer Pfarrersfamilie Klingelhöffer. Der 1784 in Battenberg geborene Friedrich Christian Klingelhöffer (sein gleichnamiger Onkel war übrigens Regierungsrat in Biedenkopf) war von 1809 bis 1819 Pfarrer in Buchenau. Zusammen mit seiner Frau Christine Luise Maria (Tochter des Biedenkopfer Posthalters und Gastwirtes Philipp Stapp) und seinen Kindern wanderte der als Hitzkopf und Freidenker bekannte Hinterländer 1825 nach Brasilien aus, um dort Geschichte zu schreiben. Hier in Sao Leopoldo wurde er der erste protestantische Pfarrer. Und auch hier, so erfahren wir, hatte Klingelhöffer wieder Streit. Es ging um die hiesige Pfarrstelle. Schließlich übernahm er die Pfarrei in Campo Bom. Leichter Regen begleitet uns auf dem 15km langen Weg zu unserem Tagesziel. Unser GPS führt uns auf einem Damm 4 km durch die Favelas (Armenviertel). Rechts und links sehen wir das ganze Elend. In Sao Paulo hatten wir schon zuvor die Slums der bettelarmen brasilianischen Bevölkerung aus sicherer Distanz beobachten können, aber hier waren wir mitten drin. Hoffentlich fangen wir uns hier keinen Platten, denn hier anzuhalten ist nicht ungefährlich. Auch fahrtechnisch wird es schwieriger, denn die rote Pampe klebt an unseren Reifen, schält sich an den Gabeln ab und verhindert fast das Weiterfahren. Schließlich erreichen wir wieder sicheren Boden. Wir gönnen unseren Rädern (hier Bidschigletta genannt) nach mehr als 300 km und über 5.200 Höhenmetern eine gründliche Reinigung in einer Waschanlage, bevor wir den fahrradtechnischen Teil hier in Campo Bom beenden. Am nächsten Tag wollen wir vor Ort mehr über den Pastor Farrapo, der auch Märtyrer der Republik von 1835 genannt wird, erfahren. Die Ahnentafel seiner Familie an der Schulwand erinnert noch heute an ihren Erbauer, der im gleichen Jahr (1828) auch den Grundstein zur Kirche legte, trotzdem er wohl mehr Freiheitskämpfer als Pfarrer war. Dass hier heute noch Deutsch gelehrt wird, ist alleine sein Verdienst.

Das Höhenprofil und Daten der Etappe

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