Lange nichts von den Hinterländer Mountainbiker gehört, wird der ein oder andere denken,
aber gut Ding braucht Weile, besonders in Krisenzeiten.


Unterwegs in der Namib
Weiteres folgt in kürze


"Runter fahren – egal wie"


HinterländerMountainbiker bezwingenWüste in Namibia


Extreme Trockenheit, Temperaturen bis 40 Grad und Sand, soweit das Auge reicht – nicht gerade die
angenehmsten Bedingungen für Hobbysportler. Die fünf Hinterländer Mountainbiker
haben sich aber genau dieses Terrain für einen Rekordversuch ausgesucht. Sie fuhren
während ihrer Tour durch Namibia mit ihren Rädern auch durch die Wüste Namib.
"Geschichte erfahren" lautet seit 18 Jahren das Motto von UlrichWeigel(Eschenburg-Roth),
Jörg Krug (Steffenberg-Oberhörlen), Siegfried Pitzer (Biedenkopf-Wallau), Matthias Schmidt und Harald Becker
(beide Angelburg-Gönnern). Ihr neuestes Abenteuer führte sie in den Süden Afrikas. Während ihrer Recherchen
zu ihrem Namibia-Projekt (diese Zeitung berichtete) stießen die fünf Freunde auf die größte
Düne in der ältestenWüste der Welt, der Namib. „Obwohl wir im Durchschnitt schon 47 Lenze
auf dem Buckel haben, sticht uns ab und zu immer noch der Hafer und deshalb
war der erste Gedanke: Da fahren wir runter – egal wie", erzählt UlrichWeigel.

Beim Anblick der mächtigen Dünen wächst bei den Radlern der Respekt

Nach sechs Monaten Vorbereitungszeit mit etlichen Telefonaten und zahlreichem Schriftverkehr ist es dann soweit. Ulrich Weigel erhält im Büro des Umwelt- und Tourismusministeriums in der namibischen Hauptstadt Windhoek von Ulrich Boois die Sondergenehmigung für eine besondere Radtour. Das Schriftstück erlaubt es den Hinterländer Mountainbikern, durch die rund 80 Millionen Jahre alte Wüstenlandschaft Soussusvlei fahren zu dürfen. „Dass wir bei unserem Antrag nicht das gesamte Vorhaben geschildert hatten, war für die Genehmigung sehr hilfreich", berichtet Jörg Krug. Viel Schlaf können sich die Radler vor ihrem großen Abenteuer nicht gönnen. Bereits um 4.45 Uhr klingelt der Wecker. Der kühne Plan,mitMountainbikes ohne Hilfsmittel die höchste und steilste Düne in der ältesten Wüste der Welt hinunterzufahren, soll umgesetzt werden. "Eine Stunde haben wir schon bei der Anfahrt verloren und die Sonne raubt Minute für Minute den Tau der Nacht, der die Sandkörner zusammenhaften lässt", erzählt Siegfried Pitzer. Die Mountainbiker beeilen sich mit ihren Jeeps, bevor der Sand wieder wie Puderzucker zerfällt, was das Vorhaben deutlich schwieriger macht. Nach vier Stunden Anreise –vorwiegend auf Schotterpisten– erwartet die Hinterländer der unglaublicheAnblick der roten Dünen und weißen, ausgetrockneten Flächen mit Büschen und verdorrten Bäumen im Death Vlei. "Beim Anblick der mächtigen Dünenformationen, die immer näher rücken, wächst unser Respekt, aber erste Zweifel werden sofort im Keim zerstört", sagt Matthias Schmidt. Es gibt kein Zurück mehr: "Das schaffen wir schon!" Mit der Sondergenehmigung im Rucksack geht es bei glühender Hitze los. Siegfried Pitzer und Matthias Schmidt fungieren als "Sherpas" und schleppen die Anfahrmatten der Allradfahrzeuge, die als Starthilfe dienen sollen. Der Luftdruck in den Reifen der Mountainbikes wird auf ein Bar reduziert. "Das hilft, im Sand voranzukommen", weiß Harald Becker. Der Sattel wird abgesenkt und die Vorderradgabel blockiert, um den Schwerpunkt nach hinten zu verlagern. Mühsam schieben und tragen die Mountainbiker ihre Räder den "BigDaddy" hinauf. Die höchste Düne im Sossusvlei wird auch "Crazy Dune" genannt. Zunächst geht es bis auf eine Höhe von 575Meter über Normalnull (NN). Ein erster Test verläuft dort positiv. "Es kann funktionieren, die Zuversicht steigt und wir kämpfen uns bei sengender Hitze weiter nach oben", berichtet UlrichWeigel. Beim ersten Gipfel des "Big Daddy" auf 644 Meter Höhe wird es dann ernst. Über 100 Touristen und einige Parkwächter unterbrechen ihre Führung und beobachten, was sich dort oben abspielt. "Die werden doch wohl nicht…?" Die zwei Meter langen ausgerollten Gummimatten auf dem Dünenkamm sollen beim Start helfen. Doch wer wagt es zuerst? "Ein Mehrheitsbeschluss der drei Wagemutigen legt fest, dass es der Jüngste von uns ist – zumal er noch keine Kinder hat", sagt Matthias Schmidt.Also stürzt sich zuerst Jörg Krug die 40 Prozent Gefälle hinunter in die Tiefe. Ulrich Weigel und Harald Becker folgen – begleitet vom Beifall der staunenden Zuschauer. "Nach dem Start stabilisiert sich das Rad. Danach heißt es einfach nur noch die Spur zu halten und den Schwerpunkt soweit wie möglich nach hinten zu verlagern, um einen Überschlag zu vermeiden", beschreibt Jörg Krug die rasante Dünenabfahrt mit bis zu 48 Stundenkilometern. Die Laufräder tauchen dabei bis zu einem Drittel in denWüstensand ein. Die Beschleunigung sei geringer als erwartet und die Angst weiche der Begeisterung. Nach wenigen Sekunden ist es schon vorbei. "Wir freuen uns wie kleine Jungs nach ihrem ersten gemeinsamen Streich und sind gespannt, ob es nach 1998 für einen weiteren Eintrag ins Guiness- Buch reichen wird", erzählt Harald Becker.

Parkaufseher erhält als Geschenk ein Buch der fünf Abenteurer

Direkt imAnschlussmachen die Hinterländer noch Filmaufnahmen vom Biken auf dem Death Vlei, als plötzlich zwei hoch dekorierte, uniformierte Parkaufseher auftauchen. "Es riecht nach Ärger und wir ziehen schon mal vorsichtshalber unsere Sondergenehmigung aus dem Rucksack", berichtet Siegfried Pitzer. "You are in big trouble" (zu deutsch: "Ihr habt ein großes Problem)", mahnt ein gewisser Mr. Member mit sonorer Stimme und weist mit seinem Zeigefinger auf den Text der Sondergenehmigung. "Zugegeben, wir hatten dem Ministerium nicht alles erzählt, was wir mit unseren Rädern dort vorhatten", gesteht Ulrich Weigel. Und so habe es einer gehörigen Portion diplomatischen Verhandlungsgeschicks bedurft, um dieWogen wieder zu glätten. Als die fünf Radler dann schließlich ihr Buch „Geschichte erfahren" als Geschenk einsetzen, ist alles wieder in Butter.
Ulrich Boois Parks Management Windhoek (Foto HMB Services)