Hinterländer Geschichte in Namibia er"fahren"


So klein ist die Welt


Projekt 2010: Letztes Kapitel


Primäres Ziel, neben dem Wüstenabenteuer, ist es auch bei diesem Projekt Spuren
hessischer Auswanderer vor Ort zu finden, ja besser noch, etwas über Hinterländer
in Er"fahrung" zu bringen, die den beschwerlichen Weg auf den Atlantischen Ozean,
aus welchem Grund auch immer, auf sich nahmen. Unsere erste Hinterländer Spur
führt uns zunächst in die Gegenwart. Im kühlen und nebeligen Swakopmund, dem
südlichsten Nordseebad Deutschlands, treffen wir uns am 16.September mit
Konny von Schmettau geborene Schmidt, die aus Breidenbach - Oberdieten stammt
und im Jahr 2005 nach Namibia auswanderte. Als freie  Reporterin schreibt
Sie u.a. für die "Allgemeine Deutsche Zeitung". Am nächsten Morgen begleitet
Sie uns bei unserem Besuch in der deutsche Privatschule "Carpe Diem" zu den
250 Kindern und wird anschließend darüber mit der Überschrift
"Spendable Mountainbiker" in der ältesten ausländischen deutschen Zeitung,
über die unvergessliche Unterrichtsstunde und die  Geschenkübergabe von
25 Paar Fußballschuhen und 2 WM-Fußbällen berichten.



Anschließend brechen wir mit unseren Rädern auf in das 19 Jahrhundert und fahren auf
dem historischen Baiweg, jener von Gräbern deutscher Soldaten der Schutztruppe gezeichneten
Route, der alle Ankömmlinge in Richtung  Windhoek folgen mussten. Welch trostloser
Anblick die Wüstenlandschaft den, sicher mit großen Erwartungen und unter großen Mühen,
Angereisten diese Wüstenlandschaft geboten haben muss, als sie sich mit Ochsenkarren auf
dem Landweg zu Ihren Zielen aufmachten. Wir sind da mit unseren voll gefederten Bikes
auf den Schotterpisten bequemer unterwegs und erreichen nach über 25 km die 450 Millionen alte
Mondlandschaft. Auf uns wartet hinter einer Kuppe ein unglaublicher Anblick und das soweit
das Auge reicht.
Sollte die NASA, wie gelegentlich immer noch behauptet wird, doch nicht auf dem Mond
gelandet sein, dann wurden die historischen Filmaufnahmen hier gefälscht. Wir toben uns
mit unseren VOTECs einige Kilometer auf dem anspruchsvollen Terrain nach Herzenslust aus
und unser Begleitteam macht dabei einzigartige Bilder und Filmaufnahmen.


Erst in der Dämmerung erreichen wir bei heftigem Gegenwind nach 104 staubigen und anstrengenden Radkilometern erschöpft unser Quartier. Passend zum Thema ist es das Deutsche Haus und Konny ist unser Gast beim Dinner, als wir schon nach wenigen Sätzen feststellen, dass wir uns schon seit den 80iger Jahren kennen. Die folgenden beiden Tage verbringen wir größtenteils in unseren Transportfahrzeugen und machen zum zweiten Mal Station in der Immanuel Wilderness Lodge. Beim Abendessen spricht uns ein Mann Namens Nolting an. Er habe eines unserer Interviews im hiesigen Hörfunk (Namibia) gehört und dabei erfahren, dass wir auf der Suche nach Hinterländer Spuren seien. Seine Mutter sei eine solche Spur. Emma Nolting geborene Becker sei 1939 aus dem Hinterland nach Otjisazu ausgewandert und der, heute noch verwendete, Hausname Ihres Elternhauses laute Michels. Ihr Bruder würde Karl heißen und es sei Verwandtschaft der Ehefrau des heutigen Angelburger Bürgermeisters. Seine Tochter oder Enkelin züchte heute in Südafrika Schäferhunde und die hießen "von Frechenhausen". Kaum zu glauben aber wahr, so klein ist die Welt und so war es später ein leichtes über Bürgermeister Mai an Originalphotos und Daten zu kommen….
Am nächsten morgen warten wieder mehrere 100 km Transfer per Offroader vor uns, denn unsere nächste Spur heißt Johann Jacob Irle und führt uns nach Otjisazu. Bekanntlich zählt sein Geburtsort Hatzfeld zum historischen Hinterland und schon bei unserer Heimatrecherche half uns der ehemalige Dekan Edgar Weigel, der übrigens aus Oberhörlen stammt, mehr über diesen in Namibia sehr bekannten Mann in Erfahrung zu bringen. Gut 9000 Kilometer von der Heimat entfernt, machen wir uns nun auf den Weg zur ehemaligen Missionsstation und sind sehr gespannt, ob dort noch Spuren von Johann Jakob Irle und seiner Familie zu finden sind. Der am 28.1.1843 geborene Bauernsohn reiste zusammen mit seiner Frau Emilie Schweissfurth über Kapstadt nach Südwestafrika. Am 18.05.1870 gründet er, übrigens gemeinsam mit Philipp Diehl (wir berichteten), eine Missionsstation bei Mahareros Werft in Okahandja. Nach einem Jahr Aufenthalt zog das Ehepaar Irle dann weiter nach Otjosazu und gründet dort am 18.05.1872 die Missionsstation Otjisasu. Dem Ehepaar wurden 8 Kinder geschenkt. Vier davon starben früh auch die Ehefrau Emilie starb 1888 in Otjisazu. Wir hoffen dort jetzt noch Zeitzeugnisse zu finden, denn seine Frau soll neben ihren früh gestorbenen Kindern in Otjisazu begraben liegen. Johann Jakob selbst starb übrigens 1924 in Witten an der Ruhr und liegt auch dort begraben. Mattes lotst uns einige Stunden, unterstützt von spärlichen GPS Koordinaten, mit unseren Fahrzeugen mitten durch die Pampa. Nach langem Suchen finden wir in einer völlig abgelegen Gegend eine Gästefarm. Aber von der ehemaligen Station ist leider nicht mehr viel zu sehen. Nur eine Mauer wurde in der heutigen Lodge wieder verwendet und lediglich eine laienhafte Wandbemalung erinnert noch an die ehemalige Station. Dr. Hartmann Weimann, der deutschstämmige heutige Besitzer, ist der am längsten praktizierende Allgemeinmediziner in Windhoek. Er und seine Frau sind sehr gastfreundlich und bieten uns die Begleitung zum Familiengrab der Irles an. Nach wenigen hundert Metern durch Buschgras übertrifft der "Fund" bei weitem unsere Erwartungen. Der eisengeschmiedete Zaun beschützte über hundertzwanzig Jahre die gut erhaltene Grabstätte Irles erster Ehefrau und mehrerer seiner Kinder, vor der Verwüstung durch Elefanten und Paviane. Nach dem wir anschließend gegenseitig Bücher ausgetauscht haben, müssen wir weiter, unser Tagesziel heißt das Waterberg Plateau und vor Fahrten in der Dunkelheit wurde uns dringend abgeraten. Rechtzeitig angekommen teilen wir uns auf, denn ein Teil von uns muss aus Platzgründen zum Waterberg Rest Camp und dort übernachten, Harry, Mattes Jörg und Uli bleiben auf der Waterberg Guest Farm.. Am nächsten Morgen haben wir uns eine Radtour zum Waterberg Plateau mit seiner Jahrhunderten isolierten Fauna und Flora und damit zum Grab des 1908 nach Deutsch Südwest ausgewanderten Steinperfers Heinrich Reinhard Adalbert Schneider vorgenommen. Nach 25 km sengender Hitze, und bei über 40 Grad und Staub erreichen wir das Rest Camp eine mittlerweile staatliche Lodge. In der Zeit der deutschen Schutztruppen war das heutige Hauptgebäude noch das Offizierskasino, später diente es als Polizeistation. Das gesamte Gebiet südlich des großen Waterbergs gehörte übrigens der Familie Schneider Waterberg und wurde neben der Viehzucht auch als Zitrusplantage und zum Anbau von Getreide und Gemüse genutzt, bis die ausschließlich am südlichen Hang vorkommenden Wasserquellen am großen Waterberg zur Wasserversorgung der Stadt Okakarara an die Regierung verkauft werden mussten. Im Restaurant des Rest Camps sind heute noch historische Aufnahmen der alten Farm und den Plantagen zu sehen. Während Jörg einen der zahlreichen Plattfüße versorgt, genießen wir die namibianische Küche. In der Mittagshitze führt uns Frau Schneider Waterberg zur Grabstätte Ihres Schwiegervaters. Abenteuerlichere Pfade treiben uns den Schweiß ins Gesicht und führen uns durch mannshohes Buschgras zu der Familiengrabstätte, direkt zu dem mächtigen, alten Feigenbaum, genau wie es in den alten beschrieben war. Aufzeichnungen Nach alter Tradition wurden je nach Reichtum und Ansehen eines Menschen bei seinem Tode einer bis zwanzig Ochsen geschlachtet." Und so war es die maximale Anzahl Ochsenschädel für den guten Freund der Herero, die als Zeichen der Wertschätzung in einer feierlichen Handlung in diesem Feigenbaum aufgeschichtet wurden. Obwohl die Natur dabei ist, sich diese Gedenkstätte zurückholen, bezeugen die Gedenktafeln von Heinrich Schneider Waterberg, seiner Frau und deren Tochter, noch heute den außergewöhnlichen Rang und die Geschichte dieser einflussreichen Familie. Und so schließt sich der Kreis von der Geburtsurkunde im Steffenberger Archiv bis zur Ruhestätte des Steinperfer Auswanderers in afrikanischer Erde. Anneliese Schneider Waterberg lädt uns noch zum abendlichen Sundowner in ihr Privathaus ein. Zügig machen wir uns auf den Weg, hören aber nicht auf Ihren Rat und folgen den steilen, alten Pfaden der ehemaligen Zitrusplantagen. Dies war ein Fehler und so wird aus einer rasanten Abfahrt ein mühsamer Abstieg zum Rest Camp. Wieder auf festen Wegen angelangt, treffen wir immer wieder auf Warzenschweine am Straßenrand, die gegenüber den vorbeirasenden Fahrzeugen respektlos sind, aber sobald sie uns entdecken, rennen sie um Ihr Leben. 25 Km liegen jetzt noch bei starkem Gegenwind, aber unglaublich schönen Lichtverhältnissen vor uns und ein nicht nur für hessische Verhältnisse wunderschönen Sonnuntergang begleitet uns zu unserer Unterkunft der Waterberg Guest Farm am Fuße des gleichnamigen, rot leuchtenden Berges. Mit Stolz folgen wir der Einladung zum Sundowner (Im Hinterland würden wir das Dämmerschoppen nennen) in das Herrenhaus von Hinrich Reinhard und Anneliese Schneider Waterberg. Wir sitzen in einer beeindrucken Bibliothek bei Whiskywasser und Snacks. Eine große Sammlung wertvoller alter Karten ziert die Wände. Photographien und Wandgemälde zeigen, auf bisher für uns unbekannten Gemälden und Bildern, die Vorfahren und neben dem Wandgemälde des Barons von Friedelhausen, Freiherr von Nordeck zur Rabenau, dem Vater H.A. Schneiders, fesselt uns besonders die alte Photographie seiner Mutter Katharina in der Hinterländer Tracht. Diese junge Frau auf der rund hundert Jahre alten Photographie zeigt eine verblüffende Ähnlichkeit mit einer ihrer, heute in Steinperf lebenden, Urenkelin. Beim anschließenden Abendessen sitzen wir an jenem Tisch, an dem schon vor fast 100 Jahren spätere Staatspräsidenten und Politiker gesessen haben, die auch die deutsche Geschichte maßgeblich mit beeinflusst haben. Die ausgesprochene Gastfreundschaft und das umfangreiche Wissen der Familie machen diesen Abend für uns unvergesslich und bilden den krönenden Höhepunkt unseres Afrika Abenteuers. Ausführlich werden wir, wie immer bei freiem Eintritt, in zwei Präsentationen das Beste aus über 3000 Photos und Filmsequenzen in HD Qualität vorstellen. Bis dahin ist auch unser Begleitbuch mit Fotos, Film, Navigationsdaten und natürlich viel Geschichte fertig gestellt und macht diese Reise für Jedermann er"fahrbar". Mehr von und über uns finden Sie auf unserer Homepage: himobiker.de Termine: 25.11. Steffenberg-Niedereisenhausen: Bürgerhaus, Beginn 19.30 Uhr 13. und 14.12. Herborn: Kulturscheune, Beginn 19.30 Uhr